"Jetzt bin ich hier so allein" - Jogi Löw privat wie nie

Ein letztes Mal führt Joachim Löw die deutsche Nationalmannschaft in die EM und womöglich sogar zum Sieg. In einem Interview lässt der Bundestrainer die letzten Jahre Revue passieren, spricht so privat wie nie über Depressionen, Homosexualität im Fußball und über seine Rolle als Trainer.

HERZOGENAURACH, GERMANY - JUNE 10: Joachim Löw, head coach of Germany looks on during a training session of the German national team at the EURO 2020 training camp at Herzo-Base on June 10, 2021 in Herzogenaurach, Germany. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)
Joachim Löw während einer Trainingseinheit des deutschen Nationalteams am 10. Juni 2021, Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images

Vor wenigen Wochen wurde in den Medien berichtet, dass Jogi Löw die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft (DFB) nur noch ein Mal als Bundestrainer anführen wird. Der Abschied bringt Löw offenbar dazu, über seine bisherige Karriere nachzudenken und seine Gedanken auch mit der Öffentlichkeit zu teilen. In einem Interview mit Zeit Online offenbart er seine verletzliche Seite.

Wo Licht, da auch Schatten

Man könnte meinen, dass ein Bundestrainer nach einem triumphalen Sieg in der Weltmeisterschaft vor Glück und Stolz strotzt. Was viele nicht wissen: Nachdem der DFB das Finale der Weltmeisterschaft 2014 dank Götze für sich entscheiden konnte, fiel Löw eigenen Angaben nach in ein tiefes Loch:

Nach dem Turnier war ich nicht weit weg von einer depressiven Verstimmung. Nach jedem Turnier ist da eine Leere. Ich saß da und dachte: Jetzt bin ich hier so allein, wo sind meine Leute, wo ist mein Team, wo sind meine Spieler, wo sind die Ziele?

Nicht nur im Anschluss der Meisterschaft, sondern auch in seiner 15-Jahre andauernden Karriere sei er immer wieder an einem Punkt gekommen, an dem er nicht weiterwusste. Besonders schwer gefallen sei es ihm, Spielern ihren Ausschluss aus der Nationalmannschaft mitzuteilen: "Natürlich berührt mich das, sehr sogar. Manchmal liege ich nachts wach. Ich bin doch auch ein Mensch!" Nach und nach habe Löw sich nicht zuletzt wegen der großen Medienpräsenz einen "Panzer zugelegt". Dass er diesen Preis zahlen muss, wenn er als Bundestrainer tätig sein möchte, war ihm aber sehr wohl bewusst.

Später Kinderwunsch

Diese Einstellung habe sich aber auch auf sein Privatleben ausgewirkt. In jungen Jahren habe er sich derart in seine Karriere gesteigert, dass er seinen Kinderwunsch in die Zukunft verschob. Diesen Entschluss bereut der mittlerweile 61-Jährige:

"Mit 25, 30 oder 35 Jahren habe ich das noch nicht so gesehen. Da konnte ich es mir vielleicht nicht vorstellen, habe das Thema verdrängt oder weggeschoben. Die letzten zehn Jahre denke ich aber schon immer wieder daran oder darüber nach, wie es gewesen wäre, Kinder zu haben." Löw hat sich im Jahre 2016 - nach 35 Jahren Ehejahren - von seiner Frau Daniela getrennt. Ob er aktuell in einer Beziehung lebt, ist unbekannt.

Homosexualität: Immer noch ein Tabu-Thema

Bisher hat sich kaum ein bekannter Fußballer getraut, seine Homosexualität öffentlich kundzutun. Auch Löw falle auf, dass die Gesellschaft immer offener werde, die Fußball-Branche hingegen das Thema weiterhin tabuisiere: "Obwohl sich schon wahnsinnig viel getan hat, fehlt sie aber vielleicht noch ein bisschen im Stadion."

Am kommenden Dienstag spielt die deutsche Nationalmannschaft um 21 Uhr gegen Frankreich.