Oldenburg: Kripo weist Pfleger unglaubliche Mordserie nach

Nach Angaben einer Sonderkommission hat der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel mindestens 90 Menschen ermordet. Die tatsächliche Opferzahl könnte noch viel höher liegen.

„Die Erkenntnisse, die wir gewinnen konnten, sprengen jegliche Vorstellungskraft." Mit diesem Resümee trat Johann Kühme, Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, am Montag in der niedersächsischen Stadt vor die Presse. Seine Ermittler werteten knapp drei Jahre lang zahlreiche Akten aus und exhumierten 134 Leichen. Um einem der grausamsten Serienmörder Deutschlands auf die Spur zu kommen: dem ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel.

130 Feuer-Bestattungen werden nie aufgeklärt

Der heute 40-Jährige hat vor Gericht bereits gestanden, bei etwa 90 Krankenhauspatienten in den Jahren 2003 bis 2005 mit Medikamenten absichtlich einen Kreislaufstillstand herbeigeführt zu haben. Nur um sie anschließend wiederbeleben zu können. Nicht immer war er dabei erfolgreich. Für sechs Taten wurde er bereits zu lebenslanger Haft verurteilt. Wie die Ermittlungen der Oldenburger Sonderkommission herausgefunden haben, handelt es sich dabei nur um die Spitze eines düsteren Eisbergs.

Durch ihre Nachforschungen konnte die Staatsanwaltschaft in Oldenburg Högel insgesamt 90 Tötungsdelikte nachweisen. Aber: „aufgrund von mehr als 130 Feuer-Bestattungen gestorbener Patienten" kann, laut Ermittler Arne Schmidt, die tatsächliche Opferzahl noch viel höher liegen. Nach derzeitigem Erkenntnisstand beging Högel seinen ersten Mord im Februar 2000 in Oldenburg, den letzten am 24. Juni 2005 in Delmenhorst.

Skandalöses Versagen von Krankenhäusern - und der Staatsanwaltschaft

Dass es zu dieser unglaublichen Serie kommen konnte, hängt nicht nur mit der unglaublichen Gewissenlosigkeit des Pflegers zusammen. Sie dokumentiert auch ein langjähriges Versagen der Institutionen. Das betrifft zuallererst die Kliniken, die über Jahre viele Alarmzeichen ignorierten. „Die Morde hätten verhindert werden können," resümiert Polizeipräsident Kühme. Im Klinikum Delmenhorst, wo Högel zwischen 2002 und 2005 arbeitete, werden sich deshalb zwei ehemalige Oberärzte und ein Stationsleiter vor Gericht verantworten müssen. Am Klinikum Oldenburg wird derzeit noch gegen Verantwortliche ermittelt.

Auch die Aufklärung des Kriminalfalls wurde lange mit skandalöser Schludrigkeit vorangetrieben. Ein Oldenburger Staatsanwalt blockierte mit der Verweigerung notwendiger Unterschriften über Jahre die Ermittlungsarbeit der Polizei. Im April 2015 wurde er dafür wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt angeklagt. Das Landgericht Oldenburg kassierte die Klage nach wenigen Monaten jedoch ein.

Viermal Lebenslänglich plus neun Jahre

Und Niels Högel? Der gebürtige Wilhelmshavener wurde bereits wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu viermal Lebenslänglich plus neun Jahren Haft verurteilt. Wegen der besonderen Schwere der Schuld kann die Strafe nicht nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden. „Die Strafvollstreckungskammer wird später zu entscheiden haben, wie lange die Freiheitsstrafe tatsächlich vollstreckt werden muss", erklärte dazu im Jahr 2015 ein Sprecher des Gerichts. Der Kriminalfall Högel ist noch längst nicht abgeschlossen.
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