Richtungsweisende Bürgermeisterwahl in Istanbul wird wiederholt

Diese Wahl wird mit Spannung erwartet, denn mit ihr könnte viel mehr entschieden werden als die Frage, wer in den kommenden Jahren die Millionen-Metropole Istanbul regiert. Beobachter haben sie sogar zur Schicksalswahl für die gesamte Türkei erklärt.



Bei der Wahl vom 31. März 2019 hatte die kemalistische CHP die lange Vorherrschaft der konservativen AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan in der wichtigsten Stadt des Landes gebrochen. Daraufhin hatte die oberste Wahlbehörde nach einer Beschwerde der AKP die Wahl auf mögliche Unregelmäßigkeiten überprüft und schließlich eine Wiederholung der Wahl angeordnet. Dabei begründete sie ihr Urteil allerdings wenig stichhaltig, worauf Zweifel an ihrer Unabhängigkeit aufgekommen waren.

An diesem Wochenende wird also erneut gewählt. Der 49-jährige Ekrem İmamoğlu ist der Kandidat der Republikanischen Volkspartei CHP und liegt in den Umfragen mit 8,1 Prozentpunkten vor seinem Herausforderer von der Regierungspartei AKP, dem 63-jährigen Ex-Ministerpräsident Binali Yıldırım. Letzterer liegt als alter Weggefährte vollständig auf der Linie Erdoğans. Deshalb ist die Abstimmung über ihn automatisch auch eine Abstimmung über Präsident Erdoğan.

Erdoğan hält sich als Person merklich heraus

Der scheint sich seiner Sache nicht ganz sicher zu sein, weshalb er sich als Person merklich aus dem Istanbul-Wahlkampf herausgehalten hat. Seine Nervosität zeigen auch krude Verschwörungstheorien, die er entwickelt: "Kümmern wir uns etwa darum, wer Bürgermeister in London, Berlin, Paris, Wien, Amsterdam oder Brüssel wird? Das bedeutet, da steckt etwas dahinter." Dem CHP-Kandidaten İmamoğlu wirft er vor, Unterstützung von ausländischen Kräften und Terroristen zu erhalten.

Auch wenn das Rennen noch völlig offen ist, hat İmamoğlu doch gute Karten, weil viele Türken mit der derzeitigen Wirtschaftspolitik der Regierung Erdoğan unzufrieden sind. Die Inflation liegt bei etwa 20 Prozent, die Arbeitslosigkeit ist hoch und ausländische Investoren drohen das Vertrauen in den Standort Türkei zu verlieren.

Kurden unterstützen die CHP

Außerdem werden die zahlreichen kurdischen Wahlberechtigten im Schmelztiegel Istanbul für den CHP-Kandidaten stimmen. Verschiedene Oppositionsparteien haben zudem auf eigene Kandidaten verzichtet und İmamoğlu ihre Unterstützung zugesagt.

Sollte die AKP auch die Neuauflage der Wahlen in Istanbul verlieren, werden die Rufe nach Neuwahlen in der gesamten Türkei laut werden
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