Virologe Streeck: "Impfschutz wird überschätzt"

Mittlerweile sind rund 50 Millionen Deutsche mindestens ein Mal gegen das Coronavirus geimpft worden. Epidemiologe Hendrik Streeck betont in einem Interview, dass der Impfschutz gemeinhin überschätzt wird.

BONN, GERMANY - AUGUST 18: German HIV researcher, epidemiologist and clinical trialist professor doctor Hendrik Streeck 
poses for a portrait at Uniklinikum Bonn university hospital on August 18, 2020 in Bonn, Germany. Streeck is a leading professor for virology and the director of both the Institute of Virology and the Institute for HIV Research at Bonn university hospital. He is also the leader of the COVID-19 Case-Cluster-Study, also known as the Heinsberg study, that examines the course of one of Germany’s first COVID-19 outbreaks in the community of Gangelt. (Photo by Andreas Rentz/Getty Images)
Photo by Andreas Rentz/Getty Images

Mit Blick auf die langsam ansteigenden Infektionszahlen machen sich viele Deutsche Sorgen um eine mögliche vierte Corona-Welle. Immer mehr Landkreise überschreiten die 7-Tage-Inzidenz von 35 und sehen sich gezwungen, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu verschärfen. Hendrik Streeck, einer der führenden Virologen des Landes, hat sich in einem Interview mit ntv zu den wichtigsten Fragen des Themas geäußert.

Vierte Welle im Herbst?

Im Gegensatz zu anderen Epidemiologen glaubt Streeck nicht, "[...] dass das die vierte Welle ist." Die Delta-Variante, die mit derzeit 74 Prozent aller Ansteckungen dominiert, sei zwar mitunter für den Infektionsanstieg verantwortlich, doch erwarte er erst im Herbst dieses Jahres die vierte Corona-Welle. Gründe hierfür seien Reiserückkehrer, die das Virus zurückbringen würden und die Öffnung der Schulen. Diese würden sich schon jetzt als Hotspots entpuppen. Hinzukomme, dass eine Herdenimmunität noch lange nicht erreicht sei. Obendrein wurde selbst bei doppelt geimpften Personen - vermehrt in Spanien und Großbritannien - eine Infektion mit der Delta-Mutation festgestellt.

Der Wolf im Schafspelz

Laut Streeck werde der Impfschutz deutlich überschätzt. Zwar schütze dieser vor einem schweren Krankheitsverlauf, er diene aber dem eigenen Schutz und biete keinen Fremdschutz: "Wir müssen uns alle impfen lassen, damit wir keinen schweren Verlauf haben - uns selber schützen." Der Virologe vermutet, dass mit dem Impfstoff in naher Zukunft keine Herdenimmunität erreicht würde. Erst wenn 85 Prozent der 12 bis 59-Jährigen und 90 Prozent der über 60-Jährigen vollständig geimpft sind, könne man von einer Herdenimmunität sprechen und von diesen Zahlen sind wir weit entfernt. Eine vierte Welle im Herbst aufzuhalten, ist seiner Ansicht nach schier unmöglich.

Großbritannien: "ein gefährliches Experiment"

Trotz eines starken Infektionsgeschehens wurde in Großbritannien der "Freedom Day" gefeiert. Seit dem 19. Juli sind in weiten Teilen des Landes die Corona-Maßnahmen vollständig gefallen. Die Regierung setzt auf Eigenverantwortung statt auf strikten Regeln. Schon jetzt zeichnet sich ab: Die Infektionszahlen steigen rasant an. Streeck kritisiert die Entscheidung: "Das ist ein gefährliches Experiment, das hier gemacht wird. Und ich hoffe, dass es dort nicht in die Krankenhäuser überschwappen wird."